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Interview: Reamonn, Nürnberg

Interview: Reamonn

Live mehr Rock

von Daniel Kreiss

Nürnberg -  Raemonn-Gitarrist Gomezz über Begegnungen der Band mit Barack Obama, Hardcore-Metallica-Fans und eitlen Kritikern. Ein Gespräch vor dem Auftritt in der Arena Nürnberger Versicherung am 24. Januar 2009.

Barack Obama soll in Eure Band eingestiegen sein!

Gomezz: Ja, Obama ist offiziell Bandmitglied! Oder sagen wir Ehrenmitglied. Wir haben im Vorprogramm seiner Rede in Berlin gespielt und hatten die Ehre, ihn auch zu treffen. Bei der Gelegenheit schenkten wir Obama einen der Silberringe, die wir alle in der Band uns erst ein paar Monate zuvor ausgesucht hatten. Die gibt es wirklich nur fünf Mal. Das heißt, wir selbst haben jetzt nur noch 4 Exemplare. Das war schon ein Riesenerlebnis, den zukünftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten persönlich kennen zu lernen. Die Aura und die Ausstrahlung, von der alle Welt spricht, die hat er wirklich. Da weiß man mal, warum Obama so eine Begeisterung ausgelöst hat in Amerika.

Wer von Euch musste denn seinen den Ring abgeben?

Gomezz: Rea musste ihn abgeben. Was heißt musste – er durfte.

Wenn du sagst, man konnte erleben, wie Obama die Begeisterung entfacht hat, kannst du uns daran Teil haben lassen?

Gomezz: Mein beeindruckendstes Erlebnis waren seine unglaublich weichen samtigen Hände. Ich hätte am Liebsten gefragt, welche Creme er benutzt. (lacht) Nee, aber das Ganze war einfach sehr beeindruckend. Wir haben ja auch nicht jeden Tag die Gelegenheit, einen so großen Politiker hautnah zu erleben. Es ist doch abgefahren, wie viel er in Amerika schon jetzt bewegt hat, wer sich alles stark gemacht hat für ihn. Auch Künstler, Schauspieler, Musiker, dadurch konnten das ja erst diese riesigen Medienveranstaltungen werden. So was kann man sich in der Dimension in Deutschland gar nicht vorstellen. Wenn wir bei der nächsten Wahl für einen Kanzlerkandidaten Konzerte geben sollten – komische Vorstellung. Bei Obama merkt man, da ist eine Ausstrahlung. Der steht vor dir, und du denkst, wow, irgendwas hat der Mann einfach, schwierig zu beschreiben. Man weiß natürlich nicht, ob er halten kann, was man sich von ihm verspricht. Aber es war eine Ehre, ihn treffen zu dürfen.

Diese Euphorie und Leichtigkeit, die Obama den Menschen vermittelt, ist es ungefähr das, was ihr mit „Through the eyes of a child“ meint?

Gomezz: Geiler Bogen! (lacht) Durch Kinderaugen ist jedenfalls alles erstmal neu und aufregend und unkompliziert. Vom Text kann man schon drauf schließen, dass es manchmal sinnvoll ist, auch als Erwachsener die Welt so anzusehen, das entspannt.
Den Song habt ihr ja geschrieben, bevor die Welt endgültig in die Krise kam. Seufzt ihr, weil der Text gerade jetzt arg simpel rüberkommt, oder stimmt er jetzt erst Recht?

Gomezz: Du meinst du die Finanzkrise?

Ja, und alles was dran hängt.

Gomezz: Klar ist das alles schlimm, aber auf der anderen Seite muss man auch sehen, es war seit Längerem angekündigt, dass wir eine Rezession erleben werden. Man kann natürlich jetzt alles auf die Finanzkrise schieben. Hat auch sicher einiges damit zu tun. Aber trotzdem ist es wichtig, Positives im Blick zu behalten. Das klingt vielleicht immer ein Bisschen doof, aber egal, wie man es dreht und wendet, man kann an vielen Sachen nun mal prinzipiell nix ändern. Dann muss man zusehen, wie man am Besten durchkommt, und damit hat der Text sicherlich ein Stück weit zu tun. Aber der war auf keinen Fall als Antwort auf alles gedacht. Es wäre natürlich sehr Klischee, nur zu sagen, hey, seh's einfach locker und dann wird alles gut. Andererseits, wenn man jetzt aufgibt und total in Panik gerät und alle Hoffnung über Bord schmeißt und denkt die Welt geht unter – das wäre genauso wenig der richtige Weg. Eine gute einfache Parole heißt doch: Machen wir das Beste draus!

Vor ein paar Jahren bei Rock im Park wart ihr unter all den härteren Rockern die einzigen, die politische Statements gemacht haben. Habt ihr also noch diese alte Haltung des 60er Rock'n'Roll?

Gomezz: War das der Gig mit Metallica nach uns?

Genau. Euer Sänger Rea rief zum Beispiel immer wieder: „You are the Power, you are the Nation!“. Die Metaller in der ersten Reihe ließen sich aber nicht so richtig davon anstecken, wenn du dich erinnerst.

Gomezz: Das war eh so ein geiles Lineup! Nur Metall, Metall, Metall, dann wir und zum Abschluss Metallica. Vorne nur Metallica-Hardcore-Fans und vor unserem Auftritt noch „Enter Sandman“ über die Lautsprecher. Wir haben's dann noch gut hinbekommen. Das Ding bei uns ist ja, viele kenne unsere Songs nur aus dem Radio, live sind wir auf jeden Fall viel rockiger. Auch auf den Alben haben wir härtere Rocksongs, die Viele einfach nicht kennen. Was wir machen, machen wir nicht aus irgendeinem Kalkül heraus, sondern weil wir daran glauben, und das merkt man live. Wir gehen ja nicht auf die Bühne und bringen nur „Supergirl“ und „Tonight“ mit. Vorne bei Rock im Park hast du das gut erleben können. Am Anfang verschränkte Arme, nach dem zweiten Song hast du schon gemerkt, dass ein paar mitwippen und denken, hey, so scheiße singt der gar nicht.

Genau.
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Gomezz: Ach, du auch! (lacht)

Ihr habt ohnehin so eine gewisse Sonderrolle im Rock'n'Roll-Zirkus. Auch wenn man die Kritiken zum neuen Album quer liest. Da fallen zwar Wörter wie „bekömmlich“, wie „Mainstream“ oder „Balladenrock“. Das wird Euch – im Unterschied zu den meisten anderen kommerziell erfolgreichen Rockbands – überhaupt nicht zum Nachteil ausgelegt. Sind das Beschreibungen, bei denen ihr euch richtig verstanden fühlt?

Gomezz: Das bleibt immer schwierig. Als wir das erste Album gemacht haben, galten wir als total alternativ. Da hieß es, geil, endlich eine deutsche Band, die richtig schönen Indie-Gitarren-Pop macht. Wir wurden abgefeiert. Über dasselbe Album, nur ein halbes Jahr später, als wir erfolgreich geworden waren, hieß es dann schon, wir wären Kommerzrocker. Und das waren die gleichen Medien! Da denkst du dir schon deinen Teil, dahinter steckt bei den Kritikern viel Eitelkeit. Wir machen natürlich, wie alle, Entwicklungen durch im Laufe der Zeit. Man wird älter, kriegt neue Einflüsse, lernt dazu, entwickelt sich menschlich – die Werte verändern sich. Wir haben heute Familien. Soll ich da noch genauso in Rock'n'Roll-Idealen denken wie vor 10 Jahren? Das fließt unterbewusst natürlich in die Musik mit ein, das ist doch normal. Wenn einer diese Musik kommerziell blöd findet, frage ich: Was ist denn kommerziell? Ist Metallica weniger kommerziell? Ich war vielleicht zehn Jahre alt, als „Ride the Lightning“ rauskam. Damals meinten alle, das sei das härteste, was sie je gehört hatten, Underground, ultracool. Das Black Album hat dann sogar eine Schwester gehört, das Gegenteil von cool war das. Sind Metallica deswegen schlechter geworden? Unter dem Strich ist es so: Was wir machen, ist das, was wir wirklich machen wollen. Darin sind wir geradlinig. Als wir Fünf uns kennen lernten, haben wir wir auch unglaublich unterschiedliche Musikstile gehört. Ich alles querbeet, auch ziemlich viel aus dem Metal-Bereich. Aber es gab halt auch andere, die haben fast nur Jazz gehört, und die einzige Rockband, die sie kannten, war Oasis. So jemand will gar nicht wie Metallica sein, oder? Vielleicht merken die Kritiker mittlerweile eben, dass nichts gestellt ist, an dem was wir machen. Es freut mich, wenn das jetzt anerkannt wird.
Metallica sind dabei ja ein ganz gutGomezz: Das bleibt immer schwierig. Als wir das erste Album gemacht haben, galten wir als total alternativ. Da hieß es, geil, endlich eine deutsche Band, die richtig schönen Indie-Gitarren-Pop macht. Wir wurden abgefeiert.es Beispiel dafür, dass nicht jeder diese Ruhe und das Selbstbewusstsein aufbringt. Ihr vorletztes Album „St. Anger“ und das neue „Death Magnetic“ haben Metallica ja fast verzweifelt auf Härte produziert, um wieder den alten Ruf zu erlangen. Du dagegen lachst selbstironisch über so einen Gig bei Rock im Park, wo die Metaller Euch zuerst den Stinkefinger zeigen. Wieso macht das Metallica was aus, Euch aber nicht?

Gomezz: Die wollen eben als Thrash Metaller gesehen werden. Wir machen keine Musik, die einen bestimmten Namen trägt, sondern die Musik, die dabei entsteht, wenn genau diese fünf Musiker zusammenspielen. Dabei kann jeder sein Ding einbringen. Nimm unsere Live-Show. Wenn du auf mein Schlagzeug achtest, fällt dir auf, dass es zum Beispiel bei „Supergirl“ stellenweise gar nicht mehr so richtig zu einer Ballade passt. Hier und da mach ich ein paar Ausflüge, ein Bisschen Headbangen, Sticks rumschmeißen. Nicht weil ich so gern das Rockklischee erfüllen würde, sondern weil das zu meiner Art und meiner Herkunft als Musiker halt gehört. Rea gibt wiederum Gesten, die zu ihm gehören, nicht zu einer Rolle. Jeder transportiert da ein Stück von sich selbst, jeder anders im Charakter. Aber es ist nicht das wir dasitzen und überlegen, so und so wird das gemacht. Wir gehen einfach raus.

Und diese Bühnenperformance ist als Experimentierfläche definiert – im Studio wollt ihr Euch dagegen mehr auf den Punkt konzentrieren? Live dreckig, im Studio sauber?

Gomezz: Ganz ehrlich? Es ist gar nicht so leicht, rauen Rock auf Band zu kriegen. Im Studio herrscht eine andere Atmosphäre, man achtet viel genauer darauf, wie man spielt. Mal spielst du alle Instrumente gleichzeitig ein, mal einzeln nach und nach. Das wird immer sauberer klingen als live. Und selbst bei Live-Aufnahmen fehlt immer noch was, weil das Mittendrin sein, die Zuschauer, die Lightshow und unsere Performance zusammengehören, das wirkt auf dich ein. Mit Live-DVDs kommst du noch am nächsten ran. Am Anfang kommt noch dazu, dass man gar nicht das Geld hat, lange herum zu experimentieren. Pro Song des ersten Albums vier, fünf Takes, einer davon wird genommen, das Album muss in drei, vier Wochen im Kasten sein. Mit dem Erfolg wachsen die Möglichkeiten. Und trotzdem hörst du von vielen Bands, dass sie sehr lange brauchen, um ihren echten Band-Sound auf Platte zu kriegen. Bei uns ist das nicht anders.
Wir sind jetzt seit 7 Jahren zusammen, mittlerweile liegt unser fünftes Album in den Läden, und wir haben noch lange nicht ausgelernt, auch nicht im Studio. Inzwischen nehmen wir einen Song, wenn es sein muss, 50 Mal auf. Aber selbst dann klingt er live anders, besonders bei einer Pop/Rock-Band, die in Balladen zum Beispiel Streicher einsetzt. Die sind live nicht dabei, die Gitarre übernimmt den Part. Das Ergebnis ist natürlich ein viel aggressiverer Sound. Ist doch gut, beides zu haben.

Live-Versionen wie Euer „Supergirl“ als Flamenco – auch komplett improvisiert, ohne Vorbereitung?

Gomezz: Das entsteht. Man probiert was aus, und das gibt einem wieder einen neuen Einfall. Auf jeder Tour entwickeln sich solche Sachen von Auftritt zu Auftritt weiter. Wenn du dir die ersten drei, vier Shows und die letzten drei, vier Shows einer Tour ansiehst, dann dann merkst du schon, wie sich das aufgebaut hat.

Zurück zum Politikverführer Obama. Und zur Politik im Rock'n'Roll. Ihr sorgt vergleichbar für Begeisterung beim breiten Mainstream. Und ihr gebt dem Pop-Publikum live neue Impulse Richtung Rock. Seid ihr damit die Obamas des Musikbusiness?

Gomezz: (lacht) So ein Quatsch!

Und dass Rock'n'Roll wieder politischer sein sollte, keine Einstellung von Euch, „your are the power, your are the nation“?

Gomezz: Was Politik betrifft, muss jeder selber wissen, inwieweit und wozu er sich bekennen will. Wir sind keine unglaublich politische Band, in der Form wie, ihr müsst das und das wählen. Es gibt andererseits Themen, über die wir sagen, da muss man was tun. Da zeigen wir Engagement, dafür haben wir eine Stiftung gegründet. Für Obama einzutreten, ging über einen Wahlkampfeinsatz hinaus. Da ging es um ein kollektives Gefühl, dass sich in der Welt was ändern muss. Wir hatten ja sicher auch keinen Einfluss darauf, ob dieser Mann gewählt würde oder nicht. Aber wir konnten für diesen Auftritt guten Gewissens einstehen. Da wollten wir Flagge zeigen, logisch.

Letzte Frage. Rea soll unter Wladimir Klitschkos Anleitung mit dem Boxen begonnen haben. Müssen wir uns Sorgen machen?

Gomezz: Ach, da muss man jetzt auch nicht mehr Angst haben, als wenn ich Joggen gehe. Da kann ich mir auch den Knöchel verstauchen. Insofern haben wir keine Angst um Rea.

Ich dachte da eher an den Stil der Argumentation bei Unstimmigkeiten in der Band.

Gomezz: (lacht) Ich hoffe, die kriegen wir weiterhin andres beseitigt.
Interview: Reamonn,1
Fünf Typen aus ganz unterschiedlichen Musikrichtungen auf einer Linie. (Bild: PR Universal)
Interview: Reamonn,2
Die bösen Gesichter wollte der Fotograf. Gomezz, ganz links, kann über das Image seiner Band sonst sehr gut lachen. Mit gesunder Selbstironie. (Bild: PR Universal)
Interview: Reamonn,3
Sänger Rea boxt, seitdem er Wladimir Klitschko kennen gelernt hat. Ob Gomezz (rechts)sich deshalb lieber im Hintergrund hält? (Bild: PR Universal)
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