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Jazz Spezial: Junge Wilde mischen auf, Nürnberg

Jazz Spezial: Junge Wilde mischen auf

Die Aufjazzer

von Vanessa Plodeck

Alle Städte -  Wie junge Shooting Stars den Jazz hart rannehmen: Ihre Musik ist Rebellion und pure Lust statt Big-Band-Tanztee oder abstrakte Kunst. Entdeckungen, pünktlich zum Festival Stimmenfang.

„In den klassischen Jazz-Clubs kann es schon passieren, dass die Leute erst mal die Nase rümpfen, wenn sie unsere Instrumente sehen. Die haben Angst, dass es zu laut werden könnte“, erzählt Sebastian Studnitzky von „Triband“. Jazz von „Triband“ ist nichts für Traditionalisten. Eine Mischung aus Hochgeschwindigkeits-ICE und Oldtimer, eine Rhythmik, in die es einen hineinreißt wie in den Amazonas zur Regenzeit, und die sich im nächsten Augenblick wieder in ein angenehm plätscherndes Gebirgsbächlein verwandelt. Wer sich auf einen soliden Bigband-Abend eingestellt hat, geht lieber gleich wieder nachhause und schaltet auf 3sat oder direkt zur Jahreshauptversammlung der Grauen Panther. „Triband“ bewegen sich fernab von ausgetretenen Pfaden. Man ist sogar versucht, ihnen erst mal den Vogel zu zeigen, wenn Studnitzky, Tommy Baldu, Michael Paucker und Frontsängerin Sandie Wollasch mit Kirchenorgel, Harmonium und Mellotron anrücken. Wirkt ein bisschen bizarr in Kombination mit E-Gitarre und Synthesizer, hört sich aber umso besser an. Die Songs sind extrem relaxt und ziehen einen trotzdem so in sich hinein, dass man sie am liebsten tagelang als Ohrwurm mit sich herumtragen will.
Was sagt man also dazu! Wer bis jetzt dachte, Jugend und Jazz, das passe zusammen wie Bungee Jumping und Nordic Walking, wie Alcopops und 86-er Bordeaux, wie MP3-Player und Grammophon, dem sei gesagt: Rock´n´Roll sucks! Jazz rules!

Dass Jazz nicht nur für hektische schräge Saxophonlinien und völlig vertrackte unzugängliche Melodien steht, sondern richtig cool sein kann, ist mit „Triband“ bewiesen. Für die medienorientierte junge Generation sind solche musikalischen Leckerbissen allerdings oft schwer zu entdecken. Junge Jazz-Musiker, die ein bisschen gegen den Strom schwimmen, haben immer noch wenig Medienpräsenz. „Jazz wird eben nicht so gehypt wie Pop zum Beispiel“, erklärt die junge deutsch-brasilianische Jazzmusikerin Yara Linss. „Dabei sind die Grenzen da ja mittlerweile sehr fließend – und Jazz sehr weitläufig. Die Stilrichtungen werden gemischt und vieles ist dann schon fast wieder Pop und ist da, wo die Jugend eigentlich hinrennt.“
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Sabine Müller von „Seide“ ergänzt: „Man bekommt die Klischees ja auch gleich mitgeliefert. Elitäres Improvisationszeug, mit dem der normale, durchschnittlich gebildete Hörer einfach nichts anfangen kann. Bei mir war das genauso, ich wollte eigentlich nie Jazz machen.“ Zum Glück hat sie sich dann doch dafür entschieden. Sonst müssten wir auf die geschmeidigen Höhepunkte aus ihrem aktuellen Album „Sound für das Jetzt“ verzichten. Immer auf den Spuren des Jazz, bleiben „Seide“ trotzdem tief im „Jetzt“ verwurzelt und lockern ihre Musik mit frechen deutschen Texten auf. Ihre Songs sind keine mitreißenden Up-Tempo-Nummern, sie kitzeln einen mehr auf angenehme Weise – wie Sonnenstrahlen, die Samstagmorgen durch die Jalousie auf die geschlossenen Augenlider fallen. Mit verführerischer Stimme lockt die Frontfrau durch verschiedene Genres und absolviert die Gratwanderung perfekt. „Junge Jazzer mischen eben viel und machen auch viel mit Beats. Ich würde mich selbst zum Beispiel zwischen akustischem R&B und Jazz einordnen“, erklärt die 24-jährige und verrät ihr Geheimrezept für solchen Jungen Jazz: „Ich bin jung, dann ist es meine Musik automatisch auch, so einfach ist das.“

Genauso einfach ist bei „Jungblut“ der Bandname durchaus inhaltlich gemeint. „Mir ist es wichtig, nicht immer nur dieselben Standards zu interpretieren, sondern auch eigene Songs, eigene Texte zu schreiben, die eben jung und unverbraucht sind“, betont die Vokalistin Christina Jung. Und das funktioniert. Die deutschen Texte von Jungblut sind witzig, verspielt, frisch und entwickeln ihren ganz eigenen Charme in Kombination mit dem leicht retro angehauchten Sound. Die englischsprachigen Songs entführen uns mal in eine Welt aus Petticoats, Jukebox und Charleston, mal direkt ins Schlafzimmer von James-Bond und mal zum Strandspaziergang mit Norah Jones. Trotzdem stehen die Songs ganz für sich und wirken absolut authentisch.
Glücklich1 geben die Antwort auf die Frage nach Innovation und Frische direkt im aktuellen Album-Titel: „Kill Your Darling“, heißt es da kämpferisch und meint soviel wie „Hau weg die alte Scheiße, auch wenn sie Dir noch so sehr am Herzen liegt“. Was eigenes erschaffen und nicht immer nur auf Vorbilder zurückgreifen und kopieren, heißt die Devise. Dementsprechend hat auch Winnie Brückner, die Vokalistin der Berliner Band, die Feder selbst in die Hand genommen und überrascht mit teilweise gnadenlos gesellschaftskritischen Texten. Mal hetzt sie uns durch eine anonyme Großstadt, mal zerrt sie uns durch bizarre Traumlandschaften.

Dass es nicht unbedingt deutsche Texte braucht, um Jazz zugänglich zu machen, beweist wiederum Deutsch-Brasilianerin Yara Linss mit ihrer Jazz-Version irgendwo zwischen Indie und Bossa Nova. „Brasilianische Musik ist eben einfach ein bisschen anders. Die Musik hat ein ganz anderes Temperament. Man hat diesen lebensbejahenden Aspekt, und das macht das ganze leichter, weil die brasilianische Musik einfach jeder liebt.“ Man kann nicht widersprechen. Ihre Kompositionen strahlen pure Lebensfreude aus, und die fließende portugiesische Sprache umschmeichelt die jazzigen Rhythmen wie zahme Raubkatzen einen heißen Stein.
Der Gefahr, dass Jazz immer anspruchsvoller wird und zum vertrockneten akademischen Selbstzweck verkommt, treten die jungen Musiker selbstbewusst entgegen. Auch der Jazz braucht schließlich das Publikum. Und das hat endgültig genug vom Selbstdarsteller am Saxophon, der – selbstverliebt und verliebt in seine komplexen Harmonien – am liebsten sein Instrument vögeln würde und darüber das Publikum vergisst. Wer sein Herz bis jetzt noch nicht für den Jazz erwärmen konnte, sollte sich losreißen von alten Vorurteilen. Man muss keinen Doktortitel haben, um Jazz verstehen zu können. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird feststellen, dass junger Jazz überraschend zugänglich ist. Die jungen frischen Gesichter auf der Bühne wollen uns unterhalten, nicht nur ihr Können demonstrieren.

Der Jazz ist ausgebrochen aus seinen fest gefügten Traditionen. Hat sich verabschiedet aus den elitären Kreisen und sich auch dem normalsterblichen Publikum geöffnet. Ob sich nun der eingefleischte Scooter- oder Britney-Spears-Fan plötzlich für Jazz begeistern kann, bleibt fraglich. Ein gewisser Anspruch bleibt erhalten. Die imaginäre Altersbeschränkung ist jedoch endgültig durchbrochen. Vorbei die Zeiten, in denen Jazz den herzkranken Patienten gab, der sich in seinen letzten Stunden nur noch mit den engsten Verwandten umgibt. Unsere erfreuliche Diagnose lautet: Der Patient Jazz, er lebt!

Hautnah zu erleben für uns ist Jazz von 27. September bis 7. Oktober in Nürberg beim internationalen Festival Stimmenfang!
Jazz Spezial: Junge Wilde mischen auf,1
Witzig, verspielt, frisch: Jungblut mit Christina Jung. (Bild: PR)
Jazz Spezial: Junge Wilde mischen auf,2
Eine Mischung aus Hochgeschwindigkeits-ICE und wertvollem Oldtimer: Triband. (Bild: PR)
Jazz Spezial: Junge Wilde mischen auf,3
Kämpferisch mit gnadenlosen Texten: Glücklich1. (Bild: PR)
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